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Woher unser Weg kommt...

Autorenbild: Petja Koleva
Petja Koleva
22. Juli
20 Min. Lesezeit

Wenn mich heute jemand fragt, warum ich das tue, was ich tue, fällt es mir schwer, mit Ausbildungen oder Berufsbezeichnungen zu antworten.


Natürlich könnte ich aufzählen, was ich gelernt habe. Ich könnte von Naturheilkunde für Mensch und Tier sprechen, von Aromatherapie, Lithotherapie (Heilkraft der Edelsteine), Phytotherapie, Volksmedizin, von meiner Zeit an der Universität als Rechtswissenschaftsstudentin oder den vielen Fortbildungen im In- und Ausland erzählen, die meinen Weg begleitet haben. Ich könnte erzählen, dass mich die Anthroposophie ebenso interessiert wie die Lehren von Hildegard von Bingen, Paracelsus und die hermetische Betrachtungsweise der Natur. Ich könnte von Selbstversorgung sprechen, von traditioneller Milchverarbeitung, von Kräuterkunde, Tieren, Landwirtschaft, Mondphasen und dem alten Wissen unserer Vorfahren, dass ich seit Jahrzehnten erforsche. Aber all das würde nur einen kleinen Teil dessen beschreiben, was mich – bzw. uns als PHI NATURAKADEMIE – ausmacht, es würde nur die Grundzüge dessen streifen, woher unser Weg eigentlich kommt.


Denn kein Diplom dieser Welt erklärt, warum ein Mensch sein Leben einer bestimmten Aufgabe widmet.


Mein Weg begann nicht mit einer Ausbildung. Er begann mit einer Welt…

 

Mein Name ist Petja Koleva.

Ich wurde am 17. Dezember 1984 in Bulgarien geboren – in einem Land, das damals noch vom Kommunismus geprägt war. Und ich frage mich manchmal, ob ich nicht weniger in ein Land hineingeboren wurde, als vielmehr in ein Gedächtnis. Denn es ist genau diese Zeit, in die ich hineingeboren wurde, die mir etwas mit auf den Weg gab, dass mich bis heute begleitet: das Bewusstsein, dass die Welt, in der wir leben, niemals nur aus dem besteht, was wir unmittelbar sehen können.


Damals herrschte eine Zeit des (künstlich geschaffenen) Mangels. Aufgewachsen bin ich jedoch in einem unermesslichen Reichtum. Nicht in einem materiellen, sondern in einem, der sich weder zählen noch wiegen lässt: im Reichtum des Wissens, der Natur und einer Welt, in der das Sichtbare niemals die ganze Wirklichkeit war. In eine Familie, deren eigentlicher Reichtum weder Geld noch Besitz war. Unser Erbe bestand eben aus Geschichten. Aus Pflanzen. Aus Sternen. Aus Gebeten. Aus Erfahrungen. Aus einem Wissen, das nie auf Universitäten gelehrt wurde und dennoch über Jahrhunderte Bestand hatte.


Als Kind glaubte ich, jede Familie sei so.


Ich irrte mich.


Erst als wir unsere Heimat verlassen haben und eine neue fanden, begann ich, zwischen Ländern, Sprachen und Weltbildern langsam zu begreifen, wie ungewöhnlich meine Kindheit gewesen war…


Jeder Mensch trägt Geschichten in sich. Manche reichen für einen Roman, manche für mehrere Leben. Meine gehören vermutlich zur zweiten Kategorie. Nicht, weil sie außergewöhnlicher wären als die anderer Menschen, sondern weil das Leben mit einer bemerkenswerten Beharrlichkeit darauf bestand, mich immer wieder an jene Schwelle zu führen, an der sich Wissenschaft und Mythos, Vernunft und Intuition, Erde und Himmel begegnen.


Schon als Kind war ich sonderbar. Nicht schwierig – lediglich von einer Neugier erfüllt, die sich mit einfachen Antworten nie zufriedengab. Während andere fragten, wie etwas funktionierte, wollte ich wissen, warum es überhaupt existierte. Goethes berühmte Sehnsucht, zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, hätte ebenso gut die Leitfrage meiner Kindheit sein können.


Heute weiß ich, dass diese Suche kein Zufall war. Ich wurde in eine Familie hineingeboren, in der sich zwei große Strömungen begegneten.


Meine Mutter vermittelte mir die tiefe Liebe zur Natur und zur Pflanzen- und Tierwelt. Von ihr erhielt ich auch einen Zugang zu dem, was ich heute als weibliche Mystik bezeichnen würde – zu einem alten, intuitiven Wissen, zu einer Wahrnehmung, die nicht ausschließlich über den Verstand funktioniert. Unbewusst lehrte sie meine Schwester und mich, dass Heilung weit mehr bedeutet als das Verschwinden von Symptomen.


Von meinem Vater erbte ich den Freiheitsdrang, den unbeugsamen Sinn für Gerechtigkeit und die Überzeugung, dass kein Mensch geboren wird, um sich den Grenzen seines Denkens zu ergeben.


Beides zusammen wurde zu meinem inneren Kompass und hat mich stärker geprägt, als ich es als Kind hätte verstehen können.


Ich wurde nie von dem abgeschnitten, was wir heute vielleicht Spiritualität oder Esoterik nennen. Denn Spiritualität war in meiner Kindheit nichts Besonderes. Sie war schlicht Alltag in unserer Familie.


Obwohl ich niemals kirchlich getauft wurde – im kommunistischen Bulgarien waren kirchlich religiöse Sakramente verboten –, wuchs ich in einem tiefen, ich würde sagen, urchristlichen Vertrauen auf. Nicht in einem Glauben der Angst, sondern in einem Glauben der Gegenwart. Der Gedanke, dass eine göttliche Ordnung unser Leben begleitet, war keine Doktrin. Er war selbstverständlich. Auch heute noch glaube ich nicht an menschlich organisierte Glaubensgemeinschaften – aber die Verbindung zur Quelle allen SEINS (Gott) pflege ich täglich und gestalte mein Leben im Bewusstsein, dass wir in dieses Leben nicht zufällig hineingeboren werden und dass wir täglich die Möglichkeit erhalten, in diesem Leben zu lernen und zu erkennen, was es zu erkennen gilt.


Wir werden nicht zum Lernen gezwungen. Wir werden nicht zum Wachsen gezwungen. Aber das Leben hat seine eigene Art, uns die entsprechenden Lektionen vorzulegen. Manchmal sanft. Manchmal weniger sanft. Und manchmal mit einer Beharrlichkeit, die fast schon Humor besitzen würde, wenn sie nicht meistens mit Leid verknüpft wäre.

 

In den 1980er-Jahren war Bulgarien ein Land, in dem der Schleier zwischen Volksmedizin, Volksmagie, Spiritualität und dem, was wir heute evidenzbasierte Wissenschaft nennen, noch erstaunlich durchlässig, auch wenn sich dieser Umstand rasant geändert hat.


Vieles von dem alten Wissen war noch vorhanden. Damals gab es sie noch, die alten weisen Frauen. Jene Großmütter, deren Wissen niemals in Büchern stand, sondern in ihren Händen, in ihren Blicken und in einer Sprache, die sie von Generation zu Generation weitergegeben hatten.


Jene Frauen, die wussten, welche Pflanze wann gesammelt werden musste. Die wussten, wie man Menschen und Tiere mit den Gaben der Natur unterstützt, Krankheiten abwenden oder heilen kann. Sie wussten Dinge über das Wetter, über den Boden, über die Jahreszeiten und über den richtigen Zeitpunkt für bestimmte Tätigkeiten. Sie kannten noch die alten, heilsamen Worte der Volksmagie und die heiligen Rituale.


Manche konnten Karten lesen. Manche konnten heilen. Manche konnten, wie man sagte, sogar ein Stück weit in die Zukunft sehen.


Ich hatte das große Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der dieses Wissen nicht nur erzählt, sondern gelebt wurde.


Meine Großmutter väterlicherseits war weit über unser Städtchen hinaus dafür bekannt, aus gewöhnlichen französischen Spielkarten zu lesen. Nicht aus Tarotkarten. Nicht aus kunstvoll illustrierten Orakelkarten. Aus ganz gewöhnlichen Karten, wie sie jeder Wirtshausbesucher in der Tasche hätte tragen können. In ihren Händen jedoch wurden Dame, König, Pik und Herz zu einer Sprache. Sie war eine Koryphäe in der Kunst des Kartenlegens und -lesens.


Menschen kamen zu ihr, klopften an die Tür und sprachen oft kaum ein anderes Wort als: „Bitte leg mir die Karten.“


Sie tat es. Meistens jedenfalls. Denn es gab Tage, da rührte sie die Karten nicht an. Genauso wie es Tage gab, an denen sie nicht nähte.


Als Kind habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich wusste nur, dass es eben so war. Heute denke ich darüber anders. Heute frage ich mich, welches Wissen hinter solchen Regeln stand. Ob es astrologische oder lunare Zusammenhänge waren. Ob es sich um überlieferte Erfahrungswerte handelte. Ob die Menschen früher Zusammenhänge beobachteten, die wir heute nicht mehr kennen oder nicht mehr beachten.


Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich dieses Wissen ernst nehmen möchte. Ich möchte es nicht nur erforschen, sondern ich möchte es leben, um verstehen zu können. Viele sprechen heute von Ahnenheilung – aber wie sollte man etwas heilen, ohne es erfassen zu können?


Meine Großmutter war nicht nur Kartenlegerin, sondern auch eine meisterhafte Schneiderin. Sie fertigte maßgeschneiderte Kleidung, ohne jemals ein Schnittmuster zu zeichnen. Sie nahm Maß, griff zur Schere – und das Kleid passte. Sie war es auch, die das Brautkleid meiner Mutter nähte. In Ermangelung an Stoff, nahm sie, was sie zur Hand hatte. Es sah fabelhaft aus, wie das Modell eines Haute Couturiers und das Kleid schmiegte sich an meiner Mutter wie eine zweite Haut.


Ebenso war sie eine großartige Köchin. Aus wenigen Zutaten erschuf sie Mahlzeiten, die weit mehr nährten als den Körper. Auch das war ihre Art von Magie. Sie war eine außergewöhnliche Frau und viele Geschichten könnten über sie erzählt werden. Vielleicht werden sie eines Tages erzählt. Wenn die Geschichten soweit sind und den Drang verspüren, erzählt zu werden.


Meine andere Großmutter, mütterlicherseits, spricht eine andere Sprache der Natur. Sie heilt Menschen und Tiere mit Kräutern, Wurzeln, Harzen und jenem Erfahrungswissen, das heute oft als Volksheilkunde bezeichnet wird – als wäre das Wort »Volk« eine Einschränkung und nicht eine Auszeichnung. Und sie liest aus Kaffeesatz. Jene alte Wahrsagekunst, bei der die Muster des Kaffeesatzes in einer Tasse gedeutet werden, um Einblicke in Gegenwart, Zukunft oder persönliche Lebenssituationen zu erhalten. Sie ist es auch, die noch Teile der alten Volksmagie kennt.


Für mich war all das völlig normal. Ich war überzeugt, jede Großmutter könne Karten oder Kaffeesatz lesen. So wie jede Großmutter eben Kakao kochen konnte.


Erst viele Jahre später begriff ich, wie außergewöhnlich dieses Erbe tatsächlich war.


Mit jedem Jahr verschwindet mehr von diesem Wissen. Nicht, weil es falsch wäre. Sondern weil niemand mehr da ist, der es weiterträgt. Und irgendwann stehen wir vielleicht vor einem leeren Raum und wissen nicht einmal mehr, dass dort einmal etwas gewesen ist. Damit aber beginnt Ahnenheilung. Mit der Erinnerung. Mit den alten Geschichten. Mit dem Verständnis für die Lebensweise unserer Vorfahren. Und vielleicht ist Ahnenheilung nicht das Aufarbeiten und Wiederbeleben von Traumata, sondern das Anerkennen und Wertschätzen des enormen Wissensreichtums – das Annehmen des Erbes unserer Vorfahren in Dankbarkeit, Liebe und dem Bewusstsein, dass wir auf den Schultern all der Menschen stehen, die vor uns auf dieser Erde gewirkt haben. Vielleicht ist genau darin meine eigentliche Lebensaufgabe entstanden. Nicht, altes Wissen unkritisch zu bewahren. Sondern es zu leben um zu verstehen. Irgendwann habe ich begonnen, mich ganz bewusst auf die Suche nach diesem Wissen zu machen. Nicht, um es unkritisch zu verherrlichen. Nicht, weil alles, was alt ist, automatisch richtig wäre. Sondern weil ich verstehen wollte. Ich möchte dieses Wissen erforschen. Es praktisch anwenden. Ich wollte wissen, was davon heute noch funktioniert, was davon einen tatsächlichen Wert besitzt und wie man eventuell mit „altem“ Wissen moderne Herausforderungen lösen könnte. Jene Herausforderungen, die vielleicht erst dadurch entstanden sind, weil dieses alte Wissen in Vergessenheit geraten ist…


Um anschließend dieses Wissen an jene weiterzugeben, die bereit sind, selbst Erfahrungen zu machen. Denn Wissen, das nicht gelebt wird, bleibt Information. Erst Erfahrung verwandelt Information in Weisheit.


Es gibt bestimmte Ereignisse im Leben, die sich so tief in das Gedächtnis einbrennen, dass man sie Jahrzehnte später noch vor sich sieht.


Eines davon war der Tag, an dem mein Vater uns verließ, um uns eine Zukunft zu ermöglichen. Damals wusste ich als Kind nicht, dass es ein Abschied für längere Zeit sein würde. Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er sich von meiner Schwester und mir verabschiedete. Wir dachten, er würde nur für einige Stunden weggehen.


Erst als unsere Mutter nach Hause kam und fragte, wo unser Vater sei, und wir ihr ausrichteten, was er uns gesagt hatte – dass er gefahren sei und sie gut auf uns aufpassen solle und dass sie schon wisse, wohin –, änderte sich die Stimmung.

Meine Mutter begann zu weinen. Und plötzlich wussten wir, dass dieser Abschied länger dauern würde.


Mein Vater ging. Und er kam nicht zurück. Er war in eine neue Heimat geflohen. Später, nachdem er sich Arbeit gesucht und eine bescheidene Existenz aufgebaut hatte, holte er uns nach. Er hatte Österreich als unsere neue Heimat auserkoren.


Auch den Tag, an dem meine Mutter mit meiner Schwester und mir unsere Heimat verließ, werde ich nie vergessen, obwohl ich erst sechs Jahre alt war. Das war Anfang der 1990er-Jahre. Es war eine andere Form der Flucht als jene, die man heute vielleicht aus den Medien kennt. Die Grenzen waren geschlossen. Ich erinnere mich an die Odyssee. An die Grenze zu Ungarn. Ich erinnere mich an Schüsse. An Hunde. An Geschrei. An eine Atmosphäre, in der man spürte, dass etwas sehr Ernstes geschah. Und daran, dass wir laufen mussten.


Mein Vater hatte unsere Flucht vorbereitet. Er hatte Routen geplant. Er hatte sich die Wege angesehen. Wo es notwendig war, hatte er Zäune umgelegt. Während andere Menschen, mit denen er arbeitete und sich ein Zimmer teilte, schliefen, plante er unsere Flucht.


Das ist eine eigene Geschichte. Eine Geschichte, die es verdient, eines Tages ausführlicher erzählt zu werden.


Aber sie gehört zu dem Fundament, auf dem mein Leben heute steht. Denn vielleicht lernt man durch solche Erfahrungen sehr früh, dass Heimat nichts Selbstverständliches ist. Dass Freiheit nichts Selbstverständliches ist. Und dass ein Mensch manchmal den Mut aufbringen muss, eine Grenze zu überschreiten, obwohl er nicht weiß, was auf der anderen Seite auf ihn wartet.


In Österreich angekommen, begann für uns ein neues Leben. Kindergarten. Schule. Alltag. Harte Arbeit. Meine Eltern legten großen Wert darauf, dass wir uns in unserer neuen Heimat integrierten. Mein Vater besonders. Für ihn war es eine Frage des Respekts, die Sprache des Landes, das man sich selbst als neue Heimat ausgesucht hatte, so gut wie möglich zu lernen. Wer in einem Land leben möchte, sollte sich bemühen, seine Sprache zu sprechen und seine Kultur zu verstehen.


Gleichzeitig war meinen Eltern wichtig, dass wir unsere eigenen Wurzeln nicht ganz vergessen.


Unsere Muttersprache. Unsere Herkunft. Unsere Geschichte.


Auch wenn mein Bulgarisch heute nicht annähernd so gut ist wie mein Deutsch. Man hört mir an, dass ich nicht in Bulgarien aufgewachsen bin. Vielleicht bin ich auch sprachlich ein Mensch zwischen zwei Welten geblieben.


In Österreich war ich die Ausländerin. In Bulgarien war ich ebenfalls die Ausländerin. Ich gehörte nie ganz hierher und nie ganz dorthin. Als Kind störte mich das wenig – die Heimat eines Kindes ist dort, wo die Eltern sind. Und vielleicht war genau das aber auch ein Geschenk. Denn wer zwischen zwei Welten lebt, beginnt irgendwann, die Grenzen zwischen ihnen zu hinterfragen.


Ich war ein ungewöhnliches Kind. Ich war neugierig. Wissbegierig. Und ich wollte verstehen. Ich war lieber mit einem Buch allein als in einer Gruppe, in der die Gespräche an der Oberfläche blieben. Ich hatte nie ein besonders großes Interesse an Freundschaften, die sich ausschließlich um Oberflächlichkeiten drehten. Ich suchte Tiefe. Ich suchte Verbindung. Ich suchte Sinn. Und wenn ich ihn bei den Menschen um mich herum nicht fand, fand ich ihn in Büchern. In der Literatur. In den Gedanken von Menschen, die längst nicht mehr lebten und deren Geist dennoch über ihre Worte bis heute gegenwärtig ist.


Vielleicht war auch das eine Form von Begegnung mit den Ahnen. Nicht mit meinen persönlichen Vorfahren. Sondern mit den geistigen Vorfahren der Menschheit. Mit Menschen, die vor uns gelebt, gedacht, geforscht und gesucht hatten.


Mein Leben war schon früh von Lernen geprägt. Aber Lernen bedeutete für mich nie ausschließlich Schule. Lernen war und ist eine innere Suche.


Eine Suche, deren Ziel ich lange Zeit selbst nicht kannte. Heute wird mir dieses Ziel immer deutlicher. Denn je älter ich werde, desto lauter höre ich den Ruf meiner Ahnen. Nicht im Sinne einer Einbildung, dass ich irgendeine besondere Auserwählte wäre. Mit solchen Vergleichen bin ich sehr vorsichtig. Aber es gibt einen Ruf, den ich nicht mehr überhören kann.


Es ist der Ruf:

Lasst unser Wissen nicht verloren gehen.

Denn vielleicht wird dieses Wissen gerade in den kommenden Jahren wieder wichtig werden. Nicht, weil wir in die Vergangenheit zurückkehren sollen. Sondern weil wir vor Problemen stehen, die wir mit ausschließlich modernen Methoden möglicherweise nicht lösen können. Ich glaube, dass wir die Erfahrungen unserer Vorfahren brauchen werden. Nicht anstelle moderner Wissenschaft. Sondern gemeinsam mit ihr. Diese Haltung begleitet mich bis heute. Meine schulische und berufliche Laufbahn war entsprechend vielfältig.


Ich besuchte zunächst eine Fachschule für Mode und Bekleidungstechnik und verfeinerte dort meine Fähigkeiten im Nähen und Schneidern. Danach besuchte ich die Handelsakademie. Später ging ich an die Universität um mich den Rechtswissenschaften zu widmen – in dem ideologischen Glauben, damit diese Welt ein Stück weit fairer gestalten zu können. Allerdings lautet einer der Grundsätze, die ich dort gelernt habe „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei“. Ich lernte mit der Zeit, dass die Gestaltung einer „faireren“ Welt sich nur innerhalb der Grenzen dieses Rechtssystems bewegen können und verlor das Interesse daran, mein berufliches Dasein wie ein Fisch in einem Aquarium zu verbringen – wenn uns diese Welt schon in unserem Handeln einschränkt, so wollte ich mir zumindest die geistige Freiheit bewahren.


Eine Zeit lang studierte ich außerdem Italienisch und Geschichte. Doch auch dort stieß ich auf etwas, das mich bis heute beschäftigt. Ich erinnere mich an eine scheinbare Kleinigkeit. In der Schule hatte ich gelernt, dass die Menschen im Mittelalter geglaubt hätten, die Erde sei eine Scheibe. Später, an der Universität, hörte ich dann, dass dies so gar nicht stimmte. Die gebildeten Menschen des Mittelalters wussten durchaus, dass die Erde eine Kugel ist. Und plötzlich fragte ich mich: Wenn mir innerhalb desselben Bildungssystems zwei unterschiedliche Dinge erzählt werden – woher weiß ich dann, was wirklich stimmt?


Diese Frage hat mich geprägt. Ich begann, Bildung nicht mehr nur als Vermittlung von Wissen zu betrachten. Sondern als etwas, das ebenfalls hinterfragt werden darf. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich heute weder blind an das Alte glaube noch blind an das Neue, sondern selbst prüfen, beobachten, erfahren und dann entscheiden möchte. Im Laufe meines Lebens absolvierte ich auch zahlreiche Ausbildungen in den Bereichen Naturheilkunde, Phytotherapie, Aroma- und Lithotherapie und ich widme mich bis heute aktiv der bulgarischen Volksheilkunde und die des Alpenraums, ebenso wie der Erforschung und Bewahrung von alten Handwerkstechniken, die traditionelle Milchverarbeitung und den Erhalt von altertümlichen traditionellen Rezepten aber auch Brauchtum, Kultur und Tradition.


Kurz nach meiner Matura heiratete ich meinen Mann Manfred. Und damit begann ein weiterer, ganz wesentlicher Abschnitt unseres Weges. Manfred ist gelernter Malermeister. Gleichzeitig ist er auf einem Bauernhof aufgewachsen und seit seiner Kindheit tief mit der Natur verbunden. Er besitzt eine ganz andere Art von Wissen als ich. Ich bin vielleicht eher der kreative und intuitive Geist. Manfred bringt Struktur, Klarheit und Umsetzungskraft. Er ist das Fundament, auf der Visionen Realität werden. Er scheut sich nicht, sich neue Fähigkeiten anzueignen. Wenn er etwas nicht kann, dann lernt er es. Und wenn er etwas noch nicht versteht, dann arbeitet er sich hinein. Diese Fähigkeit bewundere ich sehr an ihm.


Denn unser gemeinsamer Weg beruht nicht darauf, dass einer von uns alles weiß. Im Gegenteil. Wir lernen voneinander. Von Manfred habe ich beispielsweise die Pilzkunde gelernt. Ich hatte vorher kaum Berührungspunkte mit Pilzen. Er hingegen kannte sie aus seiner Kindheit. Welche Pilze sind essbar? Welche sind giftig? Welche wachsen wo? Welche Zeichen muss man beachten? Auch dieses Wissen kam über Generationen. Manfred lernte von seinem Vater. Sein Vater hatte wiederum von seinen Vorfahren gelernt. Und plötzlich war ich Teil einer weiteren Wissenslinie.


Auch seine Großmutter war eine Frau mit außergewöhnlichem Naturwissen. Sie konnte das Wetter lesen. Nicht anhand einer App. Nicht anhand eines Wetterberichts. Sondern anhand der Landschaft. Anhand der Wolkenströmungen. Der Vogelgesänge. Der Geräusche. Der Bäume. Der Windrichtungen. Sogar Geräusche wie Kirchenglocken oder Züge gaben ihr Hinweise, aus denen sie Veränderungen der Wetterlage ablesen konnte. Sie beobachtete. Und sie wusste, worauf sie achten musste. Auch das ist Wissen. Nur eine andere Form von Wissen, als wir es heute gewohnt sind.


Manfreds Mutter wiederum trägt ebenfalls altes Wissen in sich, das ich von ihr lernen durfte. Und so wurde mir immer bewusster, dass sich unser gemeinsamer Weg nicht zufällig entwickelt hatte. Wir beide tragen das Lernen von unseren Ahnen in uns. Und seit nunmehr zwanzig Jahren gehen wir diesen Weg gemeinsam.


Wir haben irgendwann begonnen, uns eine sehr einfache Frage zu stellen: Was können wir eigentlich selbst?


Diese Frage hat unser Leben verändert. Wir wollten Verantwortung übernehmen. Für unsere Nahrung. Für unser Wasser. Für unsere Gesundheit/ Medizin. Und seit über zwei Jahren auch für unsere Energie.


Das bedeutet nicht, dass wir glauben, alles selbst machen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir moderne Medizin völlig ablehnen. Im Gegenteil. Ich bin nicht gegen moderne Medizin. Ich bin auch nicht gegen das moderne Leben. Aber ich glaube an Verantwortung.


Es gibt viele alltägliche Beschwerden und kleinere Leiden, bei denen Menschen lernen können, sich selbst zu helfen.


Genau darin sehe ich einen Wert. Nicht darin, Ärzte zu ersetzen. Sondern darin, Menschen wieder mehr Eigenverantwortung zu ermöglichen und dadurch vielleicht auch jene Systeme zu entlasten, die heute vielerorts an ihre Grenzen kommen. Unsere Gesundheitssysteme, unsere Landwirtschaft, unsere Umwelt – vieles davon ist hochentwickelt und gleichzeitig an vielen Stellen überlastet. Vielleicht brauchen wir deshalb nicht immer mehr von demselben. Vielleicht brauchen wir einen anderen Blick. Einen ganzheitlicheren Blick. Wir rühmen uns als Menschheit fortgeschritten zu sein – für mich persönlich bedeutet es in vielerlei Hinsicht, von uns selbst fort geschritten – wir haben unsere Wurzeln zum Boden gekappt und unsere Antennen zum Himmel – daraus kann kein gesundes Wachstum entstehen. Alles Wissen, das wir lehren, leben und erfahren wir täglich selbst.


Das ist auch der Grund, warum unser Leitspruch lautet:

Lernen durch Erleben.

Denn wir möchten nichts lehren, was wir nicht selbst zumindest in irgendeiner Form erfahren haben. Wir möchten nicht, dass Menschen uns einfach glauben. Wir möchten, dass sie selbst erleben. Selbst beobachten. Selbst ausprobieren. Und anschließend selbst entscheiden.


Wenn jemand etwas lernt und feststellt, dass es nicht in sein Leben passt, dann ist das ebenfalls eine wertvolle Erkenntnis.


Freiheit bedeutet für mich nicht, dass alle dasselbe tun. Freiheit bedeutet, dass Menschen die Möglichkeit haben, bewusst zu entscheiden.


Aus diesem Grund versuchen Manfred und ich auch, möglichst vieles selbst zu machen. Es erinnert mich ein wenig an Gandhi und sein Spinnrad. „Warum sollte ich etwas von jemand anderem erledigen lassen, wenn ich es selbst tun kann?“. Gandhi setzte sich täglich eine Stunde ans Spinnrad und diente als Vorbild für die indische Bevölkerung, die ihre Kleidung aus selbstgesponnener Baumwolle hergestellt hat. Das Spinnrad symbolisierte in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der britischen Industrie zu befreien. Ein Stück weit ist die Selbstverantwortung iSv Selbstversorgung unser persönlicher gewaltloser Widerstand gegen die vorhandenen Machtstrukturen von Pharma-, Landwirtschafts-, Lebensmittelindustrie usw.


Natürlich können wir nicht alles selbst machen. Aber wir können vieles lernen. Und dieses Lernen verändert einen Menschen. Es verändert den Blick auf die Dinge – zumindest wenn man nicht völlig der Jagd nach Profit verfällt. Wenn man einmal selbst Lebensmittel erzeugt hat, sieht man Landwirtschaft anders. Wenn man selbst Tiere hält, sieht man Tierhaltung anders. Wenn man selbst Milch verarbeitet, sieht man Naturprodukte wie Milch anders.


Wenn man selbst einen Boden bewirtschaftet, versteht man plötzlich, dass Erde nicht einfach Dreck ist, auf dem Pflanzen stehen. Und wenn man sich mit Heilpflanzen beschäftigt, beginnt man zu verstehen, dass eine Pflanze nicht nur ein Wirkstoffträger ist. Sie ist Teil eines größeren Zusammenhangs.


Genau deshalb habe ich mich auch immer stärker mit der traditionellen Milchverarbeitung beschäftigt. Eigentlich war dieses Wissen schon Teil meiner Kindheit. Meine Familie war seit Generationen mit Schafhaltung verbunden. Meine Vorfahren waren Schafzüchter. Milch wurde verarbeitet. Joghurt wurde hergestellt. Käse. Frischkäse. Schafkäse. Diese Dinge waren Teil des Alltags.


Auch meine Eltern führten diese Tradition fort, wenn auch in Österreich in einem kleineren Rahmen, da wir keinen Hof und keine eigenen Tiere mehr hatten. Mein Vater stellte beispielsweise häufig selbst Joghurt her.


Als Manfred und ich später selbst begannen, Ziegen zu halten, kehrte dieses Wissen auf eine neue Weise in mein Leben zurück. Plötzlich begann ich, genauer hinzusehen. Ich beobachtete die Milch. Ich beobachtete die Verarbeitung. Und ich begann, instinktiv wahrzunehmen, dass es Zusammenhänge mit den Mondphasen und Mondzyklen geben könnte. Ich wusste aus den Erzählungen meiner Vorfahren, dass bestimmte Tage gemieden wurden.


Meine Großmutter hatte an bestimmten Tagen keine Karten gelegt. An bestimmten Tagen hatte sie nicht genäht. Aber die genauen Regeln waren nicht mehr vollständig überliefert. Also begann ich zu forschen. Nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Ich wollte selbst beobachten und ich wollte selbst erfahren. Genau darin liegt für mich der Wert des alten Wissens. Es muss nicht einfach geglaubt werden. Es darf untersucht werden. Die Volksmedizin beispielsweise ist kein theoretisch abstraktes Wissen – dieses Wissen wird erst wertvoll, wenn es angewendet wird und man durch Selbsterfahrung davon profitiert.


Unser Zugang zu alten Dingen ist deshalb auch sehr stark von unserer Liebe zu Antiquitäten und historischen Gegenständen geprägt. Wenn wir etwas tun, versuchen wir, soweit es möglich ist, mit historisch korrekten Werkzeugen und Methoden zu arbeiten. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil man manchmal erst durch die ursprüngliche Methode versteht, warum etwas früher funktioniert hat. Und warum manches nicht mehr funktioniert, wenn man beispielsweise Material, Glaubenssätze oder energetische Haltung verändert.


Dabei stoßen wir immer wieder auf etwas, das mich sehr beschäftigt. Viele Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind möglicherweise erst durch unsere moderne Lebensweise in dieser Form entstanden. Nehmen wir die Landwirtschaft. Die massive Bewirtschaftung von Böden. Der Einsatz schwerer Maschinen. Die Verdichtung des Bodens. Der Verlust von Artenvielfalt. Der Einsatz von Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft. Aber auch in der biologischen Landwirtschaft gibt es aus meiner Sicht Fragen, die wir stellen müssen. Zum Beispiel den massiven Einsatz bestimmter Mittel wie Kupfer oder Schwefel. Auch hier können langfristige Auswirkungen auf Böden und Ökosysteme entstehen. Für mich bedeutet das nicht, dass biologische Landwirtschaft per se schlecht wäre. Es bedeutet, dass wir genauer hinsehen müssen, ob wir Probleme nicht einfach verlagern und unter einen neuen Deckmantel fortführen. Wir müssen aufhören, in einfachen Kategorien zu denken.


Gut. Schlecht. Modern. Alt. Natürlich. Künstlich. Ich glaube, die Wahrheit liegt oft dazwischen.


Genau deshalb bin ich auch nicht gegen technische Errungenschaften. Im Gegenteil. Ich glaube, dass Technik uns sogar helfen könnte, wieder ganzheitlicher zu leben – ohne uns körperlich dermaßen überarbeiten zu müssen, wie unsere Vorfahren es noch getan haben.


Wir verfügen über Möglichkeiten, die unsere Vorfahren nicht hatten. Warum also sollten wir dieses Wissen nicht nutzen, um Böden zu schonen, Verdichtung zu vermeiden und Ressourcen gezielter einzusetzen? Warum sollten wir uns entscheiden müssen zwischen dem Wissen unserer Ahnen und den technischen Möglichkeiten unserer Zeit? Ich glaube an eine Technik, die mit dem menschlichen Dasein in Einklang gebracht werden kann und dem Menschen von großen Nutzen ist – auch wenn es nicht die Art von Technik ist, die uns heute zur Verfügung gestellt wird.


Für mich bedeutet Ganzheitlichkeit Verbindungen schaffen. Nicht nur den Menschen zu betrachten. Nicht nur das Tier. Nicht nur die Pflanze. Sondern das gesamte System. Den Makrokosmos, den Mikrokosmos und die unsichtbaren Fäden, die alles miteinander zu einem Netzwerk verflechten.


Den Boden. Das Wasser. Die Luft. Die Tiere. Die Pflanzen. Den Menschen. Und die Erde selbst.


Ich persönlich empfinde Mutter Erde nicht als leblose Materie. Für mich besitzt sie Bewusstsein. Ein aktives Bewusstsein. Und ich glaube, dass wir als Menschen unsere Verbindung zu ihr verloren haben. Unsere heutige Lebensweise wirkt auf mich vielerorts nicht mehr wie eine Symbiose, sondern wie ein parasitäres Verhältnis.


Wir nehmen. Wir verbrauchen. Wir beschleunigen. Wir entfernen uns. Und gleichzeitig wundern wir uns, dass etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Ich weiß nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich weiß nicht, welche Krisen noch vor uns liegen könnten. Aber ich glaube, dass wir etwas Grundlegendes vergessen haben: Wir sind nicht außerhalb der Natur. Wir sind Teil von ihr.


Vielleicht liegt genau darin auch der Ruf der Ahnen. Nicht in einer romantischen Rückkehr zu einer vergangenen Zeit. Sondern in einer Erinnerung. An etwas, das wir einmal wussten:


Dass Gesundheit nicht nur im Körper entsteht. Dass Nahrung nicht nur Kalorien und Nährstoffe bedeutet. Dass Tiere nicht nur Produktionsmittel sind. Dass Pflanzen nicht nur Rohstoffe sind. Dass Boden nicht nur Fläche ist. Und dass die Erde nicht einfach eine Ressource ist, die uns zur Verfügung gestellt wurde.


Die Erde ist vielmehr etwas, mit dem wir in Beziehung stehen – jede Beziehung braucht Aufmerksamkeit, Pflege und Respekt und manchmal auch die Demut, zu erkennen, dass der andere mehr weiß, als wir selbst.


Das ist für mich der Kern unserer Arbeit.


Ich möchte nicht das Alte gegen das Neue stellen. Ich möchte nicht Wissenschaft gegen Erfahrung ausspielen. Ich möchte nicht moderne Medizin gegen Naturheilkunde stellen. Ich möchte nicht Vergangenheit gegen Zukunft stellen.


Ich möchte verbinden! Ich möchte verstehen. Und ich möchte Menschen dazu ermutigen, selbst wieder genauer hinzusehen.


Wir haben verlernt, die einzelnen Wissensgebiete miteinander zu verbinden. Der Jurist ist kein Jurist mehr, sondern ein Experte für Strafsachen, für Familien- oder Unternehmensrecht. Der Mediziner ist kein Arzt mehr, sondern ein Facharzt für Psychiatrie, Neurologie, oä. Die meisten verstehen ihr Fachgebiet in seiner Gesamtheit nicht mehr, weil ihnen die Kompetenz zum „Querdenken“ abhandengekommen ist.

Das besondere an meinem Weg ist gerade dieses „Querdenken“ – Zusammenhänge sehen und verstehen.


Ich komme nicht ausschließlich aus der traditionellen alpenländischen Volksmedizin. Ich komme auch aus einer bulgarischen Überlieferung. Ich kenne die Verbindung zwischen zwei Kulturen. Ich habe unterschiedliche Wissenssysteme kennengelernt. Ich habe gelernt, dass dieselbe Pflanze in verschiedenen Regionen unterschiedliche Namen tragen kann. Dass dieselbe Erfahrung in verschiedenen Kulturen unterschiedlich erklärt wird. Und dass hinter all diesen unterschiedlichen Erklärungen manchmal dieselbe Beobachtung stehen kann.


Ich betrachte die Dinge deshalb gerne aus mehreren Perspektiven.


Aus der Sicht der Naturheilkunde. Aus der Sicht der Volksmedizin. Aus der Sicht der Anthroposophie. Aus der Sicht von Paracelsus. Aus der Sicht Hildegards von Bingen. Aus der Sicht der Hermetik. Aus der Sicht meiner Vorfahren. Und, wo es möglich und sinnvoll ist, auch aus der Sicht moderner Erkenntnisse.


Wir brauchen nicht weniger Wissen, sondern wir brauchen mehr Zusammenhang – das ist auch die Antwort auf die Frage, warum ich immer weiter lerne, warum ich immer wieder neue Themen aufgreife und warum ich mich mit Dingen beschäftige, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zusammengehören. Denn für mich gehören sie zusammen. Ich sehe die Welt nicht als Sammlung einzelner Schubladen, sondern als ein lebendiges Gewebe. Man kann einen Faden herausziehen – aber irgendwann merkt man, dass dieser Faden mit allen anderen verbunden ist:


Meine Großmutter mit ihren Karten.

Meine andere Großmutter mit ihren Kräutern.

Meine Mutter mit ihrer Liebe zur Natur.

Mein Vater mit seinem Freiheitsdrang und seinem Streben nach Gerechtigkeit.

Die Flucht.

Österreich.

Die Sprachen.

Das Gefühl, zwischen Welten zu stehen.

Die Bücher.

Die Volksmedizin.

Hildegard von Bingen.

Das Studium der Rechtswissenschaften.

Die Fragen nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

Die Zweifel an einem Bildungssystem, das nicht immer dieselben Antworten gibt.

Mein Mann Manfred.

Sein Wissen über Wetter, Natur und Pilze.

Seine Verbindung zu einem Bauernhof.

Seine Großmutter, die das Wetter lesen konnte.

Unsere gemeinsame Suche nach Selbstverantwortung.

Unsere Tiere.

Die Milch.

Der Käse.

Die Kräuter.

Die Böden.

Die alten Werkzeuge.

Das Anwenden des alte Wissens.

Die moderne Technik.

Die Frage nach der Zukunft.


Und irgendwo dazwischen immer wieder derselbe Gedanke:

Lernen durch Erleben.

Denn vielleicht ist das die einzige Form von Wissen, die wirklich bleibt. Eben dieses Wissen, das man nicht nur gelesen, nicht nur gehört oder nur geglaubt hat. Sondern das Wissen, das man selbst erfahren durfte.


Ich möchte niemandem vorschreiben, was er glauben soll. Ich möchte niemanden davon überzeugen, dass meine Sichtweise, die einzig richtige ist. Ich möchte vielmehr Räume schaffen, in denen Menschen selbst beobachten dürfen. In denen sie selbst lernen, selbst erleben und anschließend selbst entscheiden können. Manche Dinge werden ihren Alltag verändern – andere wiederum nicht. Auch das ist vollkommen in Ordnung. Denn für mich bedeutet Wissen nicht Macht über andere zu haben, sondern es bedeutet Verantwortung für sich selbst. Denn vielleicht ist gerade Selbstverantwortung einer der ältesten Formen von Freiheit.


Eine der zentralen Fragen unserer Zeit sollte lauten:

Was haben wir auf unserem Weg vergessen?

Vielleicht liegt in dieser Frage der Schlüssel zu einer tieferen Form des Erinnerns – zu jenem Wissen, das älter ist als wir selbst und das über Generationen hinweg in den Händen, Erfahrungen und Geschichten unserer Vorfahren weitergetragen wurde.

Unsere Arbeit beginnt genau hier:


Menschen dabei zu begleiten, sich wieder zu erinnern.

An das, was in ihnen selbst bereits angelegt ist. An das Wissen, das uns als Menschheit über Generationen hinweg begleitet hat. An unsere Verbindung zur Natur, zur Erde und zu den Rhythmen des Lebens.


Denn wir müssen nicht alles neu erfinden – an manches müssen wir uns lediglich erinnern.


In ewiger Verbundenheit

Petja Koleva


Petja Koleva

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