Ätherisches Lavendelöl: Wirkung, Anwendung und wissenschaftliche Erkenntnisse
- Petja Koleva

- 19. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Ätherisches Lavendelöl gehört zu den bekanntesten und beliebtesten ätherischen Ölen. Es wird traditionell zur Entspannung, bei Stress, Schlafproblemen und innerer Unruhe eingesetzt. Doch welche Wirkungen sind tatsächlich wissenschaftlich belegt? Wie wurde Lavendel in der Volksmedizin verwendet? Und wie lässt sich ätherisches Lavendelöl heute sicher anwenden?
In diesem Artikel erfährst du alles Wichtige über Wirkung, Anwendung, Sicherheit und Evidenz von ätherischem Lavendelöl (Lavandula angustifolia).

Was ist ätherisches Lavendelöl?
Ätherisches Lavendelöl wird durch Wasserdampfdestillation der Blüten von der Pflanze Lavandula angustifolia gewonnen. Entscheidend für seine Wirkung ist die chemische Zusammensetzung, insbesondere:
Linalool – wirkt angstlösend, beruhigend, muskelentspannend
Linalylacetat – wirkt sedierend (= beruhigende und angstlösende Wirkung auf Gehirn und Psyche), vegetativ ausgleichend
weitere Monoterpene mit antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften
Diese Inhaltsstoffe wirken nicht nur über den Geruchssinn, sondern auch über die Haut und beeinflussen das zentrale Nervensystem, insbesondere das limbische System (Emotionen, Stressverarbeitung).
Wie wirkt ätherisches Lavendelöl?
Wirkung über den Geruchssinn
Beim Einatmen gelangen Duftmoleküle direkt ins Gehirn und erreichen das sogenannte limbische System – den Bereich, der Emotionen, Stress und Entspannung steuert.Deshalb wird die beruhigende Wirkung von Lavendel oft innerhalb weniger Sekunden wahrgenommen.
Aufnahme über die Haut
Ätherische Öle bestehen aus kleinen, fettlöslichen Molekülen. Ein Teil davon kann über die Haut aufgenommen werden. Studien zeigen, dass einzelne Bestandteile bereits nach 5–20 Minuten im Blut nachweisbar sein können.
Evidenzbasierte Wirkungen von Lavendelöl
Stress und Angst
Die beste Studienlage besteht für die Stress- und Angstreduktion. Klinische Studien zeigen, dass Lavendelöl subjektive Anspannungen senken kann und beruhigend auf das Nervensystem wirkt.
Schlafprobleme
Lavendelöl kann bei Enschlafproblemen und stressbedingter innerer Unruhe helfen. Es wirkt nicht wie ein Schlafmittel, sondern unterstützt auf natürliche und sanfte Weise die Entspannung vor dem Schlafengehen.

Kopfschmerzen
Einige Studien deuten darauf hin, dass Lavendelöl Spannungskopfschmerzen lindern kann und Migräneattacken abschwächen kann. Hier ist die Studienlage zwar noch begrenzt, aber als Erstmaßnahme oder in weiterer Folge als begleitende Maßnahme kannst du bei solchen Beschwerden Lavendelöl durchaus unterstützend ausprobieren.
Haut und antimikrobielle Wirkung
Im Labor zeigt Lavendelöl antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften. Praktisch wird er häufig bei Insektenstichen, leichten Hautreizungen und kleinen Verbrennungen eingesetzt.
Lavendel in der Volksmedizin – jahrhundertealtes Erfahrungswissen
Antike und Mittelalter
Schon die Römer nutzten Lavendel für Bäder, zur Raumluftreinigung und zur Wundpflege. Im Mittelalter war Lavendel Bestandteil von Kräuterkissen gegen Schlaflosigkeit, bei Räucherungen zur „Reinigung von Geist und Haus“ und Salben bei Kopfschmerzen und Hautproblemen.
Europäische Volksheilkunde
In der traditionellen europäischen Medizin wurde Lavendel eingesetzt bei:
Nervosität, „Herzunruhe“, Melancholie
Magen-Darm-Beschwerden nervösen Ursprungs
Menstruationsbeschwerden
Kopfschmerzen und Muskelverspannungen
Die Anwendung erfolgte als Tee, Duftkissen, Badezusatz, Salbe oder Ölauszug.
Symbolik und Kultur
Lavendel galt lange als Pflanze der Reinigung, Klarheit und Ordnung. Sein Duft wurde mit geistiger Klarheit und emotionalem Gleichgewicht in Verbindung gebracht – ein Bild, das sich erstaunlich gut mit modernen neurobiologischen Erkenntnissen deckt.
REZEPTE: Bewährte Anwendungen von ätherischem Lavendelöl

Beruhigendes Massageöl
30 ml Mandelöl
6 Tropfen Lavendelöl
Abends auf Füße, Nacken oder Schultern einmassieren.
Anti-Stress-Roll-on
10 ml Jojobaöl
6–8 Tropfen Lavendelöl
Ideal für unterwegs bei innerer Unruhe.
Diffusor-Anwendung
2–4 Tropfen Lavendelöl
30–60 Minuten vor dem Schlafengehen
Nicht die ganze Nacht laufen lassen.
EXKURS: Gelangen ätherische Öle über die Haut wirklich in den Blutkreislauf?
Diese Frage taucht häufig auf – und die Antwort lautet: Ja, aber anders, als viele denken. Ätherische Öle bestehen aus sehr kleinen, fettlöslichen Duftmolekülen. Genau diese Eigenschaft macht es möglich, dass ein Teil ihrer Inhaltsstoffe die Hautbarriere überwinden kann. Die Haut ist nämlich keine vollkommen dichte Schutzschicht, sondern lässt bestimmte Substanzen gezielt passieren.
Wie schnell passiert das?
Studien zeigen, dass einzelne Bestandteile ätherischer Öle bereits nach etwa 5 bis 20 Minuten im Blut nachweisbar sein können, wenn sie auf die Haut aufgetragen werden. Nach ungefähr 30 bis 90 Minuten erreicht die Aufnahme ihren Höhepunkt, anschließend werden die Stoffe über Leber und Nieren wieder abgebaut.
Wichtig dabei: Nicht das ganze ätherische Öl gelangt ins Blut, sondern nur bestimmte, besonders gut hautgängige Bestandteile.
Warum wirken ätherische Öle oft trotzdem „sofort“?
Viele Menschen berichten, dass sie die Wirkung von Lavendel oder anderen ätherischen Ölen innerhalb weniger Augenblicke spüren – zum Beispiel eine beruhigende oder entspannende Wirkung. Das liegt vor allem daran, dass ätherische Öle nicht nur über die Haut, sondern auch über den Geruchssinn wirken.
Der Duft gelangt beim Einatmen direkt ins Gehirn und erreicht dort Bereiche, die für Emotionen, Stress und Entspannung zuständig sind. Dieser Weg ist deutlich schneller als der Weg über Haut und Blut. Man kann also sagen, dass der Duft über den Geruchssinn sofort wirkt und die Aufnahme über die Haut langsam und unterstützend erfolgt.
Spielt der Ort der Anwendung eine Rolle?
Ja, sehr sogar. Die Haut ist nicht überall gleich durchlässig. Besonders gut werden ätherische Öle aufgenommen an:
Gesicht und Kopfhaut
Fußsohlen
Bereichen mit guter Durchblutung (zB Armbeuge)
Auch Massage, Wärme und ein geeignetes Trägeröl (z. B. Mandel- oder Jojobaöl) können die Aufnahme unterstützen.
Warum ist Verdünnung so wichtig?
Ein häufiger Irrtum ist, dass ätherische Öle unverdünnt „besser“ wirken. Tatsächlich kann das Gegenteil der Fall sein, denn unverdünnte Öle reizen die Haut, sie erhöhen nicht automatisch die gewünschte Wirkung und eine gute Verdünnung verbessert zudem die Verträglichkeit und die Aufnahme. In der Aromatherapie gilt daher der Grundsatz: Weniger ist oft mehr!


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